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Schweizer Frauenleben

Verfasst von am 22. September 2015 – 13:08Kein Kommentar

Elf frauenliebende Frauen jenseits der siebzig porträtiert Corinne Rufli in ihrem kürzlich in Wien mit großem Erfolg präsentierten Interviewbuch. Es ist absolut lesenswert.

Corinne Rufli im Gespräch mit Eva anlässlich der Präsentation in Wien

Corinne Rufli im Gespräch mit Eva anlässlich der Präsentation in Wien, Foto: Silvia Strippoli

Die 78-jährige Berti, die die ein Jahr jüngere Elisabeth seit über vierzig Jahren liebt, ist vierfache Großmutter und geschieden. Sie bezeichnet ihre Beziehung „als menschlich, nicht als lesbisch“. Renate, heute 84, beschäftigt sich mit Gender-Theorie und schätzt den gedanklichen Austausch mit jüngeren Lesben, lebt aber mit ihrem Ehemann in einer Beziehung, die auf Verbundenheit und dem Zulassen von Unabhängigkeit basiert. Die 82-jährige Liva musste als Kind schon sexuelle Übergriffe abwehren, wuchs von der Mutter abgeschoben in teils bitterer Armut auf, wurde aber in den 1960er Jahren zu einer anerkannten Fotografin, die auch das schwule Leben im Zürich dieser Zeit dokumentierte. Margit (81) organisierte schon in den 1960er Jahren Tanzabenden für Frauen, und kämpfte als Lesbe auch innerhalb der Frauenbewegung gegen Vorurteile.

Unterschiedlicher könnten die Lebensgeschichten und –entwürfe nicht sein, die uns in den elf Gesprächen entgegentreten. Bei manchen Frauen ist es der religiöse Hintergrund, der es ihnen lange schwer macht, eine selbstbestimmte Sexualität zu leben, bei anderen schlicht die Angst vor sozialer Ausgrenzung. Der Schritt aus der vermeintlich schützenden bürgerlichen Enge ist für Viele ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, Andere wachsen in eine selbstgewählte oder ihnen zugewiesene Außenseiter_innen-Rolle hinein. Die Einen bezeichnen sich freimütig als Lesben, Andere sehen sich durch diese Identitätszuschreibung gar nicht repräsentiert.

Evas Partnerin Karin bei der von den Grünen andersrum organisierten Präsentation, Foto Silvia Strippoli

Evas Partnerin Karin bei der von den Grünen andersrum organisierten Präsentation, Foto Silvia Strippoli

Bewusst hat daher die Herausgeberin der Gespräche, die Schweizer Historikerin Corinne Rufli, ihre Publikation nicht über lesbische sondern frauenliebende Frauen gemacht. Sie hat die über einen langen Zeitraum vorbereiteten Gespräche in Absprache mit den Interviewten redigiert und bearbeitet, ohne ihnen aber den ganz persönlichen Sprechduktus zu nehmen, wodurch in den Texten eine große Individualität zu Tage tritt. Diese äußert sich auch in den schweizerdeutschen Ausdrücken, die manche verwenden, und die für die unkundigen Leser_innen in einem Glossar erläutert werden.

Mit den beiden Frauenpaaren des Bandes, Eva (74) und Karin (77) sowie Berti (78) und Elisabeth ( 77), sprach Corinne Rufli unabhängig, was auch sehr spannende Einblicke in die unterschiedlichen Vorstellungen ermöglicht, die sich die einzelnen Frauen ihr Beziehungsleben machen. Es sticht hervor, dass die oft streng religiöse Erziehung für eine überwiegende Zahl der Interviewten bei der Selbstfindung als Frau, als emanzipierter Frau und auch als frauenliebender Frau eine große Hürde und Belastung darstellte. Auffallend ist auch, dass mehrere Frauen Lehrerinnen wurden, eine berufliche Rolle suchten, in der sie als Frau finanziell von einem männlichen Partner unabhängig leben konnten.

150209_SeitdieserNacht_Überzug_sf.inddAuch aus österreichischer Sicht sind die Gespräche mit den Schweizer Frauen absolut lesenswert, da es viele Parallelen zwischen den Ländern gibt, sei es die Dominanz der Religion, die von nur wenigen Städten geprägte ländliche Entwicklung oder die zähen Vorurteile gegenüber homosexuellen Frauen und Männern. Zudem öffnen die Lebensgeschichte einen schmalen Spalt in eine Vergangenheit, die heute für emanzipierte, selbstbewusste, queere Leser_innen kaum noch vorstellbar ist. Es fällt ein Schlagschatten auf eine Zeit, in der es keine Rollenvorbilder, ja oft nicht einmal eine Sprache für das eigene Empfinden gab, auf eine Zeit, in der mit Verfolgung und sozialem Ausschluss zu rechnen war, wenn die als deviant wahrgenommene sexuelle Orientierung öffentlich wurde.

Diese Frauen mögen mit ihrem Mut ein Vorbild sein!

Corinne Rufli: Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen. Baden (Schweiz): Hier und Jetzt Verlag 2015, erhältlich bei Löwenherz

 

 

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