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Biografie eines „Heldenmädchens“

Verfasst von am 10. November 2015 – 12:31Kein Kommentar

Als Frau drang sie in eine Männerdomäne ein und verschrieb sich dem Kriegshandwerk: Viktoria Savs. Die Rekonstruktion ihrer Biografie las für QWIEN Manuela Bauer.

Wie wird aus einem naiven, patriotischen Mädchen, das eigentlich immer lieber ein Mann gewesen wäre, eine glühende Nationalsozialistin? Der Journalist Frank Gerbert versucht in seiner Biografie über das „Heldenmädchen“ Viktoria Savs diese Frage zu beantworten. Ich schreibe deshalb versucht, weil die Aufgabe, die er sich damit gestellt hat, keine einfache war. Gerbert war bei seinen Recherchen zum größten Teil auf verschiedene Zeitungsartikel aus den Jahren 1917 – 2014 angewiesen, die Viktoria Savs thematisieren. Bei der Arbeit mit solchen Quellen darf jedoch niemals außer Acht gelassen werden, dass es sich um propagandistische, romantisch verklärte und auch spekulative Artikel handelt, die von der jeweiligen Zeit und dem jeweiligen Zeitgeist geprägt sind: Sei es nun die k.u.k. Kriegspropaganda der Jahre 1917-1918 oder auch die NS-Propaganda, die Viktoria ab Mitte der 1930er Jahre zu einem Musterbeispiel eines heldenhaften, deutschen Mädels hochstilisierte. Aufgrund dieser schwierigen Quellenarbeit muss Vieles von dem, was Gerbert niederschrieb, Spekulation bleiben.

Viktoria Savs im August 1917 mit amputiertem Bein. Foto: Kremayr & Scheriau

Viktoria Savs im August 1917 mit amputiertem Bein. Foto © Anno/Österreichische Nationalbibliothek, „Das interessante Blatt“ 30. August 1917

Viktoria Savs wurde 1899 in Bad Reichenhall geboren. Schon früh zeigte sich bei ihr, dass sie kein „klassisches Mädchen“ war, auch existiert ein Foto aus dem Jahr 1914, welches sie in Männerkleidung zeigt. Gerbert stellt hier erstmals die Theorie auf, dass es sich bei Viktoria um einen sogenannten „Tomboy“ gehandelt haben könnte, d.h. um ein Mädchen bzw. eine junge Frau, die sich durchgängig „männlich“ verhält und auch knabenhaft wirkt. Zu lokaler Berühmtheit (und auch über die Grenzen ihrer damaligen Heimat Südtirol hinaus) gelangte sie schließlich durch ihren Fronteinsatz an den Drei Zinnen in den Jahren  1915 – 1917. Sie war dort als Ordonnanz und Tragtierführerin in der Einheit ihres Vaters tätig. Auch wenn es später gerne anders verbreitet wurde, war sie aber keine kämpfende Soldatin im heutigen Sinn, sondern eine Arbeiterin, die sich vornehmlich um Herd und Haushalt des Kompaniechefs kümmerte. Auch die tatsächlichen Umstände ihrer schweren Verwundung, die zum Verlust des rechten Fußes der damals erst 17-Jährigen führten, liegen im Dunkeln und unterliegen bis heute einem breiten Spekulationsradius.  Fest steht, dass Viktoria Savs später mit mehreren Orden, darunter der Silbernen Tapferkeitsmedaille, ausgezeichnet wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde es sehr still um sie. Da sie nicht im „Feindesland“ leben wollte, ging sie nach der Abtretung Südtirols an Italien nicht zurück in ihre Heimat Meran, sondern zog nach Salzburg und hielt sich als Haushälterin über Wasser. In den frühen 1930er Jahren zeigte sich ihr Interesse für die nationalsozialistische Gesinnung und sie dürfte der Partei bereits 1933 (als in Österreich damals „Illegale“) beigetreten sein. Von Hitler erhielt sie 1934 eine Zuwendung von 150 RM zur Anschaffung einer Beinprothese. Dies war allerdings nichts Ungewöhnliches, da ihr die Prothesen bereits in den Jahren davor von Gönnern und Bewunderern aus aller Welt „nachgeschmissen“ wurden. Trotzdem sollte das vom „Führer“ gespendete Holzbein seine Wirkung nicht verfehlen. 1936 zog sie schließlich ins Deutsche Reich, wo sie hoffte die Anerkennung zu erhalten, die ihr ihrer Meinung nach zustand.

Bei einer NS-Veranstaltung 1939 in Bad Reichenhall. Foto: Kremayr & Scheriau

Bei einer NS-Veranstaltung 1939 in Bad Reichenhall. Foto © Dolomitenkriegsarchiv Peter Kübler/Hugo Reider

Nach dem „Anschluss“ kehrte Savs jedoch auf ehemaliges österreichisches Territorium zurück, wo sie im Oktober 1938 eine Stelle bei der Nachrichtenabteilung 70 der Wehrmacht in Salzburg antrat. Ab Anfang 1942 war sie in einer „hygienisch-bakteriologischen Untersuchungsstelle“ in Belgrad tätig. Bereits im Jahr davor war in und um Belgrad damit begonnen worden, die jüdische Bevölkerung sowie Roma und Sinti  systematisch zu ermorden. Inwieweit Viktoria Savs über diese Mordaktionen informiert war oder nicht, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Gerbert geht davon aus, dass sie sehr wohl Bescheid wusste, nicht aber involviert war. Fakt ist allerdings, dass ein im Buch abgedrucktes Bild existiert, welches sie inmitten hochrangiger SS-Offiziere in Belgrad zeigt. Ihrem Gesichtsausdruck nach scheint sie sich in dieser Runde – natürlich geschmückt mit ihren militärischen Auszeichnungen – durchaus wohlgefühlt zu haben. Nach dem Krieg wurde sie als „minderbelastet“ eingestuft und lebte zur Untermiete in Salzburg.

Cover_SavsGerbert beschäftigt sich im Laufe der Biografie auch immer wieder mit der Frage nach Viktorias sexueller Identität und stellt die (unbestätigte) Theorie auf, dass sie nach heutiger Definition eine Transgender*Person gewesen sein könnte. Fest steht, dass sie im Laufe ihres Lebens niemals eine Beziehung zu einem Mann unterhalten hat und in leicht fortgeschrittenem Alter  für die Dauer von zehn Jahren mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau zusammenlebte, die sie später auch adoptierte. Dass die Adoption des Partners bzw. der Partnerin unter homosexuellen Menschen früher durchaus geläufig war, um die Beziehung gesellschaftlich zu legitimieren, ist kein Geheimnis. Die Frage, ob Viktoria Savs aber tatsächlich lesbisch oder eine Transgender*Person war, muss unbeantwortet bleiben.

Alles in allem zeichnet Gerbert mit seiner Biografie das Bild einer Frau, die keine sympathische Person gewesen sein dürfte. Sie war militaristisch, nationalistisch und später auch nationalsozialistisch eingestellt. Und an dieser Stelle sollte auch betont werden, dass sie nicht einfach nur eine NS-Mitläuferin, sondern zwölf Jahre lang aktive Nationalsozialistin war. Auch ihre Einstellung zu den Italienern, die sie bis zuletzt nur verächtlich als die „Welschen“ bezeichnete, änderte sich nie. Sie trug bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Orden aus dem 1. Weltkrieg zur Schau und umgab sich am liebsten mit „ehemaligen Kriegskameraden“. Viktoria Savs verstarb 1979 im Alter von 80 Jahren in Salzburg. Ihr Grab wurde 2014 aufgelassen.

Frank Gerbert: Die Kriege der Viktoria Savs. Von der Frontsoldatin 1917 zu Hitlers Gehilfin. Wien: Kremayr & Scheriau

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