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Verschollener Ganymed gefunden

Verfasst von am 11. August 2011 – 09:31Kein Kommentar

Zwei Fundstücke aus der Frühzeit der schwulen Literatur. Vorgestellt von Andreas Brunner

"Raub des Ganymed", um 1650-1654, von Jérôme Duquesnoy

"Raub des Ganymed", um 1650-1654, von Jérôme Duquesnoy

Ein sensibler, nervöser Geigenvirtuose verliebt sich in einen jungen Maler, der an Schwindsucht stirbt, worauf sich auch der Geiger das Leben nimmt. So ließe sich Jules Sibers in der Bibliothek rosa Winkel (BrW) wiederentdeckter Roman Seelenwanderung kurz zusammenfassen. Aber Siber wollte mehr. Als Anhänger esoterischer Strömungen der Jahrhundertwende verwob er die Herz-Schmerz-Geschichte um das von der Gesellschaft angefeindete Liebespaar mit seinen Vorstellungen von Seelenwanderung und der Geschichte des flämischen Bildhauers Jérôme Duquesnoy, der 1654 in Gent als Sodomit hingerichtet wurde, weil er in der Kathedrale, wo er an einem Grabmal für einen Bischof arbeitete, mit zwei seiner Gehilfen sexuelle Kontakte gehabt haben soll. Er wurde auf dem Marktplatz von Gent verbrannt.

Siber selbst war erfolgreicher Geigenvirtuose und es gibt Hinweise, dass er sich als Wiedergeburt von Niccolò Paganini fühlte, über den er auch einen Aufsatz in Magnus Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen und einen Roman mit dem bezeichnenden Titel Paganini. Ein Roman von Alten Göttern und Hexentänzen schrieb. Angesichts der erstaunlichen Überlieferungsgeschichte des bis vor kurzem verschollenen Romans ist es dem verdienstvollen Herausgeber der BrW, Wolfram Setz, zu danken, dass Seelenwanderung wieder zugänglich ist. Ob das Buch, das in keine öffentliche Bibliothek Aufnahme fand, nun seinen Weg finden wird, wie Wolfram Setz, in seinem informativen und wie immer exzellent recherchiertem Nachwort hofft, wage ich zu bezweifeln.

Jules Sibers Roman Seelenwanderung wird bei Spezialisten und Interessierten an der Geschichte der schwulen Literatur Anklang finden, einem allgemeinen Lesepublikum wird die verworrene und mit vielen gelehrten Details angereicherte Text wenig zusagen. Zu gewunden und pathetisch ist die Sprache, zu phantastisch der Gang der Handlung, zu platt und oberflächlich die Zeichnung der für diesen kurzen Roman von weniger als 150 Seiten sehr vielen Figuren. Welche Berechtigung hat also eine solche Wiederveröffentlichung?

Seelenwanderung ist ein Exempel für die Überlieferung schwuler Literatur vom Anfang des Jahrhunderts und der Ersten Homsexuellen-Bewegung. Bis vor wenigen Jahren galt der Text als verschollen (ein Novellenband Sibers ist bis heute in keinem Exemplar auffindbar!). Durch eine Zufall kam die „mystisch schwelende Erzählung vom Sich-Finden zweier Seelenverwandter“ in den Besitz von Olaf n. Schwanke, der sie für die Veröffentlichung zur Verfügung stellte. Ebenfalls durch Zufall wurde im Westfälischen Landesmuseum eine Ganymed Skulptur als Werk Jérôme Duquesnoys identifiziert. Es ist jene, die in Sibers Roman eine bedeutende Rolle spielt und dort zerstört wird, weil der Romanautor Siber selbst glaubte, dass das Werk verloren wäre. In der grausamen Ermordung von Duquesnoy spiegelt sich die Verfolgung, die der Geigenvirtuose und sein Geliebter erdulden. Mit anderen Mitteln als im Barock ist die Ächtung, die die beiden Liebenden erfahren, nicht minder tödlich, denn sie finden nur noch in der Flucht in den gemeinsamen Tod den erhofften Frieden.

In einer Rezension Kurt Hillers im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen wird Sibers Roman als Text gelobt, der sich von der „sentimental-homosexuellen Belletristik“, von denen wir, wie Hiller meint, „ein paar Körbe voll“ besäßen, unterschiede. Keinen „vagen Gefühlsquark“ erzähle Siber, vielmehr sei Seelenwanderung das dichterische Dokument „seines edlen und unruhigen Geistes“. Hiller merkt auch richtig an, dass ein „unsymbolischer, unzweideutiger, aufrichtiger Homosexualroman“ wohl kaum das „Hindernis ‚Staatsanwalt'“ nehmen würde. Insofern spiegelt Sibers Roman auch die Möglichkeiten schwuler Literatur der Zeit. Nur mit Mitteln der Verschleierung konnte er überhaupt eine schwule Liebesgeschichte, die die ablehnende Haltung der Zeit dokumentiert und zusätzlich mit einer Vielzahl (kunst)historischer Verweise die Figuren in ein „schwules Netzwerk“ stellt, erzählen. Gekonnt verwebt er die Geschichte der ausgestoßenen Liebenden mit der des wegen seiner Sexualität ermordeten Bildhauers Duquesnoy und zeigt damit die Konstanz der Verfolgung und Unterdrückung homosexuellen Lebens, gegen die Siber als Aktivist in Magnus Hirschfelds Wissenschaftlich humanitären Komitee ankämpft.

Noch schwerer als Siber wird es auf dem schwulen Buchmarkt Peter Hamecher haben. Im ebenfalls von Wolfam Setz in Zusammenarbeit mit Erwin In het Panhuis in der BrW herausgegebenen Sammelband werden sowohl zentrale essayistische Texte, als auch Lyrik und Prosa Hamechers wieder veröffentlicht. In einem 50-seitigen Nachwort ordnet Setz den produktiven Journalisten und Schriftsteller in den Kanon der schwulen Literatur der ersten drei Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts ein. Seine essayistischen Arbeiten über Kleist, dessen Homosexualität er nachzuweisen versucht, über Leopold von Andrian, Stefan George oder Frank Wedekind geben einen Einblick in die Rechtfertigungsmechanismen schwuler Essayistik der Zeit, sind aber aufgrund ihrer geschwollenen Sprache schwer zu verdauen. Da wird bei Andrian um den schwulen Kern seines Erzählung Der Garten der Erkenntnis rumlaviert, bis kaum mehr etwas übrig ist. Was aber sicher auch notwendig war: Denn Andrian, mit dem Hamecher auch korrespondierte, hätte ein offene Diskussion der homoerotischen Implikationen in seinem Bestseller sicher geschadet, besonders bei seiner Karriere im austrofaschistischen Ständestaat.

Hamechers Biografie nimmt 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland eine interessante Wendung. Der Publizist, der für sexuelle Befreiung kämpfte und sich in seiner schriftstellerischen Karriere für nun verfemte Dichter wie Heinrich Mann, Else Lasker-Schüler oder Carl Sternheim einsetzte und im sozialistischen Vorwärts veröffentlichte, fand in der NSDAP seine neue politische Heimat. Nun diffamierte er in parteitreuen Medien Klaus Mann und seine Exilzeitschrift Die Sammlung als Die ‚Sammlung‘ Judas und machte durch zusehends antisemitische Töne auf sich aufmerksam. Dass offen homosexuelle Männer – Hamecher hatte drei Jahrzehnte immer wieder in „einschlägigen“ Publikationen veröffentlicht – auch ihre Parteitreue nicht vor Verfolgung schützte, erlebte Hamecher nicht mehr. Nach einem Schlaganfall war er seit Februar 1936 hospitalisiert und starb im Juni 1938.

Aber auch hier gilt, was für Siber gilt: Für das Verständnis der Zeit und dem Umgang selbst offen homosexueller Schriftsteller mit dem Thema, ist auch die Publikation der wichtigsten Arbeiten von Peter Hamecher ein wichtiger Puzzlestein. Viel zu wenige haben wir davon, besonders in Österreich.

Jules Siber: Seelenwanderung. Bibliothek rosa Winkel, Band 57. Hamburg: Männerschwarm Verlag 2011

Peter Hamecher: Zwischen den Geschlechtern. Literaturkritik, Gedichte, Prosa. Bibliothek rosa Winkel, Band 58. Hamburg: Männerschwarm Verlag 2011

Beide natürlich erhältlich bei: www.loewenherz.at

Weiterführende Links zum Bildhauer Jérôme Duquesnoy:
glbtq.com, Westfälisches Landesmuseum

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