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Vortragsreihe Teil 2 im Herbst „Homosexualität und Nationalsozialismus“

QWIEN – Zentrum für queere Geschichte– veranstaltet die zehnteilige Vortragsreihe „Homosexualität und Nationalsozialismus“ von Mai bis November 2022 an diversen Standorten in Wien. Im Herbst geht es mit 7 Vorträgen weiter!

Erst im Jahr 2005 wurden in Österreich Homosexuelle als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt, ebenso fielen erst in dieser Zeit die letzten strafrechtlichen Bestimmungen gegen sie. Mit dem Projekt der „‘Namentlichen‘ Erfassung der homosexuellen NS-Opfer in Wien“ legte das Zentrum QWIEN einen Grundstein für die Erforschung der Schicksale der von den Nationalsozialisten verfolgten Personen.

Gleichzeitig ist der Wissensstand über die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung in der Bevölkerung äußerst niedrig oder gar nicht vorhanden. Gegen diese Wissensdefizite richtet sich die niedrigschwellige Vortragsreihe „Homosexualität und Nationalsozialismus“. Verteilt auf verschiedene Orte in der Stadt werden dabei unterschiedliche Fragen des Strafrechts und der Verfolgung, der Täter*innenschaft sowie der Schicksale der Opfer in Wien 1938-1945 erörtert. Die Vorträge werden im Anschluss als Buch veröffentlicht.

 

Natascha Bobrowsky: „Ich nehmen an […], dass sie ein Mannweib ist.“. Verfolgung und Stereotypisierung homosexueller Frauen in Gerichtsakten zu § 129Ib StG (1938 bis 1945)

Datum und Uhrzeit: Mittwoch, 14.9.2022, 18:30 Uhr

Ort: VHS Landstraße, Hainburgerstraße  29, 1030 Wien

Abstract: Fragend nach einer möglichen Stereotypisierung angeklagter Frauen steht im Mittelpunt des Vortrages eine qualitative Analyse einzelner Gerichtsakten aus Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Ried im Innkreis und Wien in Hinblick auf zeitgenössische Diskurse über weibliche Homosexualität.

Link VHS: https://www.vhs.at/de/k/273615714


Daniela Pscheiden: Das Delikt der „Unzucht wider die Natur“ in den Akten des Wiener Jugendgerichtshofes 1938 – 1945

Sophie Wagner: Nationalsozialistische Polizeiverhöre als Selbstzeugnisse homosexueller Männer?

Datum und Uhrzeit: Donnerstag, 29.9.2022, 20 Uhr

Ort: Yella Yella!, Maria-Tusch-Straße 2/1, 1220 Wien

Extra: Das Yella Yella! Hat ab 19.00 Uhr geöffnet und serviert bis zum Beginn der Vorträge keine Speisen und Getränke. Essensanmeldung: essen@yellayella.at

Abstract Pscheiden: Die großteils nur noch auszugsweise als Kopien erhaltenen Akten des Wiener Jugendgerichtshofs aus der Zeit von 1938 bis 1945 geben interessante Einblicke in die Lebenswelt der Jugendlichen jener Zeit. Sie zeigen die vielfältigen rechtlichen, gesellschaftlichen und individuellen Folgen, die Jugendliche bei einer Anklage nach § 129 I b StG, dem Delikt „Unzucht wider die Natur“, zu erwarten hatten. Ihre Einordnung vor Gericht als „Verführter“ oder „Strichjunge“, ihre Beurteilung in politischer, medizinischer und  sozialer Hinsicht  entschieden über das verhängte Strafausmaß. Auch ein Fall weiblicher Homosexualität, die nur in Österreich, nicht aber im Rest des Deutschen Reiches strafbar war, ist in den Akten erhalten. Die Diskriminierung endete jedoch nicht 1945. Die Nachwirkungen der über sie gefällten Urteile begleiteten viele der Jugendlichen bis ins hohe Alter.

Abstract Wagner: Im Wien der NS-Zeit wurden Homosexuelle strafrechtlich verfolgt. Eine in QWIEN angelegte Datenbank – die NS-Opfer Datenbank, deren Grundlage Strafakten der Zeit formen – liefert Erkenntnisse, wie Behörden und Denunzianten damals Homosexuelle sahen. Fragen, die ich mir gestellt habe sind: Können die in den Strafakten verschriftlichten Aussagen auch über Selbstbilder von Verfolgten Auskunft geben und wenn ja, wie kann die zur damaligen Zeit verwendete Sprache dekodiert werden, um die Strafakten als Quellen heranziehen zu können? Selbstbilder, die mitunter durch Fremdbilder beeinflusst werden, sollen somit anhand von den in der Datenbank erfassten Aussagen und Protokollen genannt und analysiert werden.


Zavier Nunn: Trans* victims of National Socialism after the Anschluss / Trans*-Opfer des Nationalsozialismus nach dem „Anschluss“

Datum und Uhrzeit: Mittwoch, 12.10.2022, 19 Uhr

Ort: Volkskundemuseum, Laudongasse 15-18, 1080 Wien (Palais Schönborn)

Abstract: Obwohl §129Ib illegale sexuelle Handlungen verfolgte, wurden Transvestismus und geschlechtsuntypische Verhaltensweisen zunehmend als Beweis für widernatürliche Unzucht angesehen, was nach dem Anschluss zu Verurteilungen nach §129Ib führte. Die Verfolgung von trans* Personen hing von mehreren Faktoren ab: soziale Stellung, Rasse, Arbeitsfähigkeit und damit zusammenhängend dem Nutzen für die Volksgemeinschaft, sowie der sexuellen Orientierung. Die Geschichte von trans* Personen ist komplex, sodass Einzelfallanalysen notwendig sind. Diese verfolgen das Ziel zu verstehen, wie und warum trans* / cross-dressing / gender non-conforming Identitäten und Verhaltensweisen die Verurteilung beeinflussten.

Vortragssprache Englisch!


Friederike Sudmann: Karl Seiringer und das Sittendezernat der Wiener Kriminalpolizei (1938-1945)

Jonas Sperber: Die Gestapoleitstelle Wien (März 1938 – August 1939). Verhörmethoden der Gestapo-Beamten des Referats II S/1 zur Verfolgung von Homosexuellen

Datum und Uhrzeit: Donnerstag, 20.10.2022, 18:30 Uhr

Ort: Brunnenpassage, Brunnengasse 71 / Yppenplatz, 1160 Wien

Im nationalsozialistischen Wien waren sowohl die Geheime Staatspolizei als auch die Kriminalpolizei für Ausforschung Homosexueller zuständig. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten hat sich die Verfolgungsintensität durch die Strafverfolgungsbehörden massiv erhöht. Auf Basis der überlieferten Strafakten aufgrund von §129Ib StGB, der sexuelle Handlungen mit Menschen desselben Geschlechts, unter Strafe gestellt hat, wird die Ermittlungsarbeit der Verfolger rekonstruiert.

Abstract Sudmann: Die Rolle der Wiener Kriminalpolizei im Nationalsozialismus ist bisher kaum erforscht. Beim Durchschauen der erhaltenen Strafakte aufgrund von §129Ib fällt der Name Karl Seiringer immer wieder als verhaftender Polizeibeamte ins Auge. Häufig wurden diese Verhaftungen in Wiener Bädern oder in öffentlichen Bedürfnisanstalten durchgeführt, die als „wegen homosexueller Umtriebe“ bekannte Orte galten. Daher behandelt der Vortrag die Frage nach den Ermittlungsmethoden des Sittendezernats und den führenden Köpfen der Verfolgung.

Abstract Sperber: Am 15. März 1938 wurde das Hotel Metropole am Morzinplatz Nr. 4 in die Gestapoleitstelle Wien umgewandelt, bei der das Referat II S/1 unter anderem für die Anzeigen wegen homosexueller Betätigung bis September 1939 zuständig war. Für die Homosexuellen Wien bedeutete dies eine Verschärfung ihrer Situation, die ohnehin durch die parallel ablaufende strafrechtliche Verfolgung seitens der Kriminalpolizei prekär war. Nun wurden sie zusätzlich von den Gestapo-Beamten oft tagelang verhört und wohl gewaltsam daran erinnert, weitere Namen homosexueller Personen mitzuteilen, um gemäß ihrer nationalsozialistischen Ideologie „diese Kreise aus der Gemeinschaft auszumerzen“.  Beispielgebend für diese Verhörmethode nach dem sogenannten Schneeballsystem ist der Fall des homosexuellen Mittelschulprofessors Dr. phil. Heinrich Eduard Prochaska, der im August 1939 nach fast zweiwöchiger Befragung der Gestapo die Namen zahlreicher homosexueller Männer bekanntgab. Im Fall Prochaska wurde aus dem Schneeball, wie er selbst beschrieb, bald eine „Lawine“. Allein durch Prochaska konnte die Gestapo letztendlich 52 weitere Personen verfolgen.


Daniela Pscheiden: Das Delikt der „Unzucht wider die Natur“ in den Akten des Wiener Jugendgerichtshofes 1938 – 1945

Datum und Uhrzeit: Dienstag, 8.11.2022, 19 Uhr

Ort: Gugg, Heumühlgasse 14, 1040 Wien

Abstract: Die großteils nur noch auszugsweise als Kopien erhaltenen Akten des Wiener Jugendgerichtshofs aus der Zeit von 1938 bis 1945 geben interessante Einblicke in die Lebenswelt der Jugendlichen jener Zeit. Sie zeigen die vielfältigen rechtlichen, gesellschaftlichen und individuellen Folgen, die Jugendliche bei einer Anklage nach § 129 I b StG, dem Delikt „Unzucht wider die Natur“, zu erwarten hatten. Ihre Einordnung vor Gericht als „Verführter“ oder „Strichjunge“, ihre Beurteilung in politischer, medizinischer und  sozialer Hinsicht  entschieden über das verhängte Strafausmaß. Auch ein Fall weiblicher Homosexualität, die nur in Österreich, nicht aber im Rest des Deutschen Reiches strafbar war, ist in den Akten erhalten. Die Diskriminierung endete jedoch nicht 1945. Die Nachwirkungen der über sie gefällten Urteile begleiteten viele der Jugendlichen bis ins hohe Alter.

WIEDERHOLUNG

Da der Termin in der VHS war völlig überbucht war, wiederholen wir den Vortrag bei freiem Eintritt.

Natascha Bobrowsky: „Ich nehmen an […], dass sie ein Mannweib ist.“. Verfolgung und Stereotypisierung homosexueller Frauen in Gerichtsakten zu § 129Ib StG (1938 bis 1945)

Abstract: Fragend nach einer möglichen Stereotypisierung angeklagter Frauen steht im Mittelpunt des Vortrages eine qualitative Analyse einzelner Gerichtsakten aus Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Ried im Innkreis und Wien in Hinblick auf zeitgenössische Diskurse über weibliche Homosexualität.

 


Svenja Miriam Kalmar: Das kleinere Übel? Die Verfolgung von ‚Juden‘ nach §129Ib StGB in Wien zwischen Machtübernahme der Nationalsozialisten und Deportationen

Datum und Uhrzeit: Mittwoch, 16.11.2022, 18:30

Ort: Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien, Rabensteig 3, 1010 Wien

Anmeldung erforderlich: anmeldung@vwi.ac.at

Abstract: Der Vortrag widmet sich der Situation zwischen 1938-1940 wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen verfolgter Juden in Wien. Nach dem sogenannten ‘Anschluss’ an das deutsche Reich bestand in der lokalen Justizgeschichte eine Übergangszeit bezüglich der Auslegung des österreichischen Homosexuellenparagraphens 129 Ib StGB. In diesen aus österreichischer Perspektive ersten Jahren unter dem NS-Regime wurden angesichts der noch nicht finalisierten Pläne zur ‘Endlösung der Judenfrage’ noch als Juden geltende Menschen vor Gerichten für Straftaten regulär verurteilt und dem Gesetz entsprechend bestraft. Aus der Gesamtheit der erhaltenen die genannte Gruppe betreffenden Strafakten wurde erarbeitet, ob und wie intersektionelle Diskriminierung wegen rassischer Kriterien im Rahmen der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung eine Rolle spielte.


Zwei Vorträge zum Abschluss der Vortragsreihe „Homosexualität und Nationalsozialismus“

Luis Paulitsch: Aus dem Kreis der anständigen Volksgenossen ausgeschlossen“ – NS-Strafgerichtsbarkeit gegen Homosexuelle in Österreich

Franz X. Eder, Hannes Sulzenbacher: Homosexualität in der NS-Ideologie im Spiegel ausgewählter Wiener Strafverfahren

Datum und Uhrzeit: Mittwoch, 23.11.2022, Beginn: 18.30 Uhr

Ort: Raiffeisen Bank International (RBI), Am Stadtpark 9, 1030 Wien, Sky Conference Rooms

Anmeldung erforderlich: archiv@qwien.at

Begrüßung: Dr. Hannes Mösenbacher. Vorstand RBI

Abstract Paulitsch: Nach dem „Anschluss“ wurden auch die österreichischen Gerichte zum Instrument nationalsozialistischer Machtausübung. Der Vortrag befasst sich mit der Strafjustiz in der „Ostmark“ am Beispiel des § 129 Ib StG gegen Homosexuelle. Der Fokus liegt dabei auf Gerichtsverfahren, die zwischen 1938 und 1945 am LG Wien stattfanden und durch mehrere Instanzen gingen – sie zeigen ein Spannungsfeld zwischen vordergründiger Objektivität und gezielter Unterdrückung.

Abstract Eder/Sulzenbacher: Die geschichtswissenschaftliche Erforschung der Verfolgung von gleichgeschlechtlich begehrenden Menschen während der NS-Zeit hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte zu verzeichnen. In dem Vortrag wird ein Überblick über den Forschungsstand zur Homosexualität in der nationalsozialistischen Ideologie und die Verfolgung von homosexuellen Männern und Frauen im Deutschen Reich und insbesondere im heutigen Österreich gegeben. In einem zweiten Teil werden jüngste Ergebnisse der Untersuchung von Wiener Gerichtsakten präsentiert, in denen die konkreten Verfolgungs- und Sanktionierungspraktiken sichtbar werden.

Ausklang bei Buffet und Getränken

Mit Unterstützung der Raiffeisen Bank International

 

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