Dawn Hoskin: Eine kurze Geschichte der queeren Kunst, Laurence King Verlag: Berlin 2025. Erhältlich bei Löwenherz
Von Aubrey Beardsley bis Zanele Muholi
Eine kurze Geschichte der queeren Kunst von Dawn Hoskin gibt einen Überblick über sechs Jahrhunderte queere Kunstgeschichte.
Eine Rezension von Felix Vofrei
Die Verbindung von Kunst und Queerness ist es kein gänzlich neues Thema: Einen umfassenden Aufschlag zu dezidiert homosexueller Kunst hat Christopher Reed bereits 2011 mit Art and Homosexuality. A History of Ideas gemacht, das an der Schnittstelle von Wissenschaft und Populärkultur angesiedelt ist. Seitdem finden regelmäßig neue populärwissenschaftliche Bücher zu Kunst und Queerness ihren Weg in die Museumsshops, wie etwa Alex Pilchers A Queer Little History of Art (2017) und zuletzt Mollie E. Barnes’ und Gemma Rolls-Bentleys Queer Art (2026).
Queerness als „Anderssein“
Dawn Hoskin, Cultural Heritage Kuratorin beim britischen National Trust und Kuratorin der Ausstellung „We Are Queer Britain“ (2022-2024) im Queer Britain, hat ihr immerhin 224-seititges Büchlein bereits 2019 beim Lawrence King Verlag herausgebracht. Nun ist es auch auf Deutsch erhältlich. Hoskin folgt darin dem doppeldeutigen Verständnis von Queerness als „‚Anderssein‘ […] – das Stören etablierter Erwartungen – und zugleich als Begriff für Geschlechts- und sexuelle Identitäten, die von ‚normativen‘ Auffassungen abweichen.“ (S.6) Obwohl sie beobachtet, dass Queerness in der Kunst bisher häufig auf die Biografien der Künstler*innen zurückgeführt wird, ist ihr Ziel „die Ausweitung kreativer Möglichkeiten.“ (S. 6) Das Buch gliedert sich nach einer kurzen Einleitung wie folgt in vier Teile: Epochen, Werke, Themen und Wendepunkte.
Im ersten Teil „Epochen“ nimmt uns die Autorin mit durch einen Schnelldurchritt durch die Kunstgeschichte von Renaissance bis Internetkunst und stellt deren wesentlichen Charakteristika und Vertreter*innen heraus. Hoskin zeigt auf, wie queere Künstler*innen neue Stile aufgriffen, um ihre Identitäten zu verhandeln: „Aufkommende Strömungen, die oft unmittelbar mit sich ändernden soziopolitischen Bedingungen einhergingen, boten neue Möglichkeiten, Erfahrungen auszudrücken und den Status quo infragezustellen [sic!]. Dies zog natürlich Künstler*innen an, die Geschlecht und Sexualität jenseits existierender sozialer Konstrukte erforschen wollten […].“ (S. 7) Damit steht sie in Einklang mit aktueller Forschung, die Epochen z. B. Moderne (siehe Ausstellung „Queere Moderne. 1900-1950“, 27.09.2025-25.02.2026 in den Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.) oder Avantgarde (Änne Söll/Christian Wandhoff: Queer Avantgarde? Von doppelten Linien, Gewichthebern kopflosen Körpern, in: KUNSTFORUM International, Bd. 303: N/AKT, 2025, S. 160-169.) als queer verhandeln.
Biografien. Motive und Umbrüche
Anschließend beschäftigt sie sich mit einzelnen queeren Werken, die sich über alle Medien hinweg erstrecken. Im Gegensatz zum vorangegangenen Teil, der noch eher kanonisch ist, zieht die Autorin hier auch unbekanntere Werke und zeitgenössische Werke häufig mehrfach marginalisierter Personen hinzu. Dabei lässt sie auch Raum, um die Kunstwerke und Biografien (wie Tamara de Lempicka, Tom of Finland, Robert Mapplethorpe etc.) teils kritisch zu befragen. Durch die Behandlung einzelner Werke umgeht sie die Gefahr, sich bloß auf die queere Identität des*der Künstler*in festzulegen.
Im dritten Teil versucht die Autorin, Themen, Motive und Praktiken queerer Kunst zu identifizieren. Zwar macht sie hier spannende Beobachtungen, doch erscheinen diese wenig historisch spezifisch. Die auf den Seiten immer oben genannte Auswahl wichtiger Künstler*innen wirkt etwas zusammengewürfelt und diese finden in den darunter stehenden Texten dann häufig keine Erwähnung mehr. Jedoch lässt sich positiv anmerken, dass es ihr gelingt, die schiere Bandbreite von Themen queerer Kunst gut zu veranschaulichen.
Das Buch schließt mit „Wendepunkte“, das wichtige Umbrüche in der queeren Geschichte abbilden soll: von Liebhabern römischer Kaiser über die Erfindung der modernen Sexualwissenschaft bis hin zum Internet. Leider stört hier die Abtrennung zu den vorangegangenen Teilen. „Wendepunkte“ ist nicht nur rein kunsthistorisch, sondern zeigt sich mehr von der historischen Seite. Besonders deutlich wird hier, dass sich die Autorin umfassend mit der Materie auseinandergesetzt hat und eine Expertise auf dem Gebiet hat.
Lust auf queere Kunst
Eine kurze Geschichte der queeren Kunst von Dawn Hoskins zeigt, so ließe sich Hoskins Argument vereinfacht zusammenfassen, dass Queerness vor den Grenzen von Epochen, Stilen, Medien und Themen keinen Halt macht. Queerness wird dabei nicht nur als Identität, sondern auch als aufrührerische Praxis verstanden. Darin liegt insbesondere das Potenzial dieses kleinen Überblickswerks. Aufgrund des lexikonartigen Aufbaus und der Einführung in die verschiedenen Epochen eignet sich das Buch auch für eine nicht-fachliche Leser*innenschaft. Da Hoskin sowohl ein Rereading von Künstler*innen eines klassischen kunsthistorischen Kanons, auf deren queere Identität es biografische Hinweise gibt, vornimmt, als dass sie auch geoutete unbekanntere Positionen einbringt, ist das Buch dennoch auch für Kunsthistoriker*innen interessant, die bisher wenig auf diesem Gebiet unterwegs waren. Die Auswahl der Werke ist erfrischend und tatsächlich queer. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist, dass durch Verweise im Text queere Netzwerke und Bezugssysteme aufgezeigt werden und die Kunst nicht isoliert, sondern in wechselseitiger Beziehung zu Populärkultur und queerem Aktivismus gedacht wird. Das Buch ist gut recherchiert obwohl leider Angaben zur zitierten Literatur fehlen. Da die Werke im Text teilweise nur beschrieben und nicht bebildert werden, ist die Lektüre nicht ganz voraussetzungslos. Das Buch macht aber in jedem Fall Lust, sich weiter mit den vielen genannten queeren Künstler*innen zu beschäftigen.
