Tom of Finland goes Hamburg?

Katalogcover zur Lederkunst-Ausstellung in Hamburg, feiert 50 Jahre MSC Hamburg e.V.

Gottfried Lorenz/Peter Suelau: Lederkunst. Katalog zur Ausstellung anlässlich des 50jährigen Bestehens des MSC Hamburg e. V., Nienburg: Himmelstürmer 2024. Erhältlich bei Löwenherz.

Tom of Finland goes Hamburg?

Mit der Ausstellung Lederkunst und dem dazugehörigen Katalog feierte der MSC Hamburg e. V. im Jahr 2024 sein 50. Jubiläum. Über ein wenig beachtetes Genre der Kunstgeschichte.

Eine Rezension von Felix Vofrei

Zu Tom of Finland, George Quaintance, oder Robert Mapplethorpe liegt eine Fülle von Forschungsliteratur vor, allerdings hat sich noch niemand unter dem besonderen Gesichtspunkt von Leder mit den Künstlern auseinandergesetzt. Gottfried Lorenz, Historiker und Autor, und Peter Suelau, Historiker, Soziologe und Mitglied beim MSC, bieten in Lederkunst, 2024 beim Himmelstürmer Verlag erschienen, einen Überblick über die Geschichte der Lederszene, des Hamburger MSC’s und der künstlerischen Repräsentation.

Die Lederszene entstand im florierenden Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit und ihren aufkommenden Subkulturen, wie die Autoren in der Einleitung anschaulich beschreiben. Danach widmen sie sich im Kapitel „Der MSC Hamburg e.V.“ umfassend der Vereinsgeschichte. Der Motorsportclub (kurz: MSC) Hamburg e. V. wurde am 30.07.1974 gegründet. Motorsport war der Ausgangspunkt der Lederszene aber diente insbesondere als gesellschaftlicher Deckmantel. Zu den Hauptaufgaben des MSC zählte die Organisation des jährlichen Ledertreffens, das erstmals am 10. und 11. August 1973 in Hamburg stattgefunden hatte. Der Verein veranstaltete für seine Mitglieder regelmäßig Reisen zur Vernetzung mit anderen internationalen Gruppen. Seit seiner Neugründung 2013 hat sich der MSC mittlerweile auch für Frauen geöffnet. Außerdem ist er von seiner strengen Kleiderordnung abgerückt, hin zu Fetischwear, die bspw. auch Rubber inkludiert. Dem historischen Abriss folgt eine detaillierte Zeittafel von 16 Seiten Umfang, die wichtige Entwicklungen der Lederszene, der Hamburger im Besonderen, aber auch Daten der ausgestellten – ausschließlich – Künstler umfasst. Danach schließt sich ein Katalogteil zu Kunst und Lederszene an, der den Hauptteil des Buches bildet.

Vorbilder und Wegbereiter

Die großen Vorbilder der Lederkunst sind Tom of Finland (*1920–1991) und sein älterer Wegbereiter George Quaintance (*1902–1957), die das visuelle Gedächtnis entschieden geprägt haben und auf die sich alle nachfolgenden Künstler immer wieder zurückbeziehen. Gerhard Pohl (*1931–1993) und Günter Henzler (*1933–2005) waren langjährige Freunde und Mitbegründer des Hamburger MSC. Der Autodidakt Pohl finanzierte seinen Unterhalt durch Werbefotografie und eröffnete 1973 Hamburgs erste Lederbar: die Loreley Bar. Seine Schwarz-Weiß Fotografien sind eigenständig aber zeigen dennoch Einflüsse von Tom of Finland. Dessen Zeichnungen hatte er in dem US-Magazin Physique Pictorial gesehen. Daraufhin reiste er 1968 nach Finnland und befreundete sich mit ihm. Er war es auch, der Laaksonen – so Tom of Finlands richtiger Name – Aufträge in Hamburg verschaffte und so wesentlich zu seiner Popularisierung in der Bundesrepublik und darüber hinaus beitrug.

Gerhard Pohl war 1993 eines der vielen Opfer im Zuge der AIDS-Epidemie. Günter Henzler verdiente sein Geld ähnlich wie Pohl als Grafiker. Er wurde insbesondere durch seine Plakate für das Ledertreffen bekannt, die er bis 2004 gestaltete und welche stilistisch stark an Tom of Finland erinnern. Er schuf außerdem das Logo des MSC, dessen Akronym er ebenfalls als Basis für seinen Künstlernamen, Martin S. Cool, verwendete. Den beiden Künstlern werden im Katalog teils neuere Werke bisweilen lokaler Künstler, wie von Lars Deike (*1963), des in Dänemark geborenen und ausgebildeten Erling Viktor (*1968), des argentinischen und in Spanien lebenden Künstlers Juan Carlos Di Pane (*1971), von Jürgen Drese (*1940), des französischen Fotografs Ralf Marsault (*1957), Nils Bollenbachs (*2001), Nico Belows (*1977), Rex’ (1943-2024) und Robert Mapplethorpes (1946-1989) gegenübergestellt.

Mehr als Kunstgeschichte

Danach schließen ein Kapitel zu „Günter Henzler / Martin S. Cool als Schöngeist“ und ein Kapitel „Stadterkundung Hamburg für Ledermänner“ mit einer Liste von Empfehlungen für Orte der Lederszene in Hamburg an. Das Kapitel „Hans Eppendorfers Buch Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte und die Hamburger Lederszene“ widmet sich dem umstrittenen Buch von 1980, das in der Lederszene in Hamburg seinerzeit heftig diskutiert wurde. Das Buch endet mit „Leder, S/M und mann-männliche Prostitution“, die, laut Autoren, in einem Katalog zu einer Lederausstellung erwähnt und nicht unter den Tisch gekehrt werden sollten. Im Anhang sind drei historische Zeitungsartikel abgedruckt.

Lederkunst ist kein rein kunsthistorischer Ausstellungskatalog. Die Beschreibungen der Werke der Künstler und ihrer Werdegänge lässt dennoch Gemeinsamkeiten wie eine Nähe zur Werbung, ähnliche Körperformen sowie ein Hang zu Schwarz-Weiß erkennen. Neben einigen Flüchtigkeitsfehlern mangelt es insbesondere in Bezug auf die Kunst an zitierfähiger Literatur. Demgegenüber überwiegt aber die gute Recherche zur Vereinsgeschichte. Insgesamt vermittelt der Katalog einen guten Überblick über die internationale Lederszene, die Geschichte des Hamburger MSC und beinhaltet beeindruckendes visuelles Material teilweise fast vergessener Künstler wie Pohl und Henzler, die es von der kunsthistorischen Forschung wiederzuentdecken gilt.

511 709 Qwien - Zentrum für queere Geschichte
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