Eliza Steinbock/Sandro Weilenmann: Artistic Participation in Europe’s Trans and Queer Archives. PERCOL (Perverse Collections) 2025; Open Access hier zum Download
Künstlerische Auseinandersetzungen mit queeren Archiven
Eliza Steinbock und Sandro Weilenmann widmen sich in Field Notes on Artistic Participation in Europe’s Trans and Queer Archives dem Potenzial künstlerischer Projekte, die ihren Fokus auf queeres Archivmaterial legen. Ein praxisnaher Einblick in künstlerische Auseinandersetzungen mit LGBTIQ*-Vergangenheiten.
Eine Rezension von Emma Stich
Entstanden im Kontext des Forschungsprojekts ‚Perverse Collections: Building Europe’s Queer and Trans Archives‘ (PERCOL), welches sich mit historischen und gegenwärtigen Entwicklungen von LGBTIQ*-Archiven auseinandersetzt, fokussiert sich das Buch auf die potenziellen Rollen, die Künstler*innen in queeren und trans Archiven einnehmen können. Die Grundlage für das Buch bilden 15 Interviews, sowie Beobachtungen, die die Autor*innen beim Besuch verschiedener queerer Archive Europas angestellt haben. Im Zentrum des Forschungsinteresses steht hierbei die Frage, wie sowohl Künstler*innen als auch Archive von einer Zusammenarbeit profitieren können und welche Schwierigkeiten sich in der Umsetzung eines gemeinsamen Projekts ergeben können.
Die Bedeutung queerer Archive
Mit zunehmender Häufung rechtspopulistischer Anfeindungen gegenüber Queerness in Europa sind auch queere Kulturbetriebe von den daraus resultierenden Konsequenzen, wie Voreingenommenheit und budgetären Kürzungen, bedroht. Steinbock und Weilenmann gehen in ihrem Buch davon aus, dass Künstler*innen mit dieser Problematik helfen und die gesellschaftliche Bedeutung von queeren Archiven festigen können. Im Zugänglichmachen von queerem Archivmaterial und durch das affektive Potenzial künstlerischer Projekte sehen die Autor*innen eine Möglichkeit, die gesellschaftliche Stellung queerer Archive und Kulturorganisationen zu verbessern.
Steinbock und Weilenmann illustrieren in ihrem Buch vergangene künstlerische Arbeiten, die gelungene Kollaborationen zwischen Künstler*innen und queeren Archiven darstellen. Sie nehmen allerdings auch Bezug auf vergangene Erfahrungen, um aufzuzeigen, woran diese Projekte scheitern können und in der Vergangenheit bereits gescheitert sind. Besonders in der Kommunikation sehen die Autor*innen eine mögliche Problemquelle.




Künstlerisches Vokabular
Da Künstler*innen und Archive oft nicht dasselbe Vokabular teilen, kann ein Austausch über Vorhaben und Umsetzungsmöglichkeiten des Projekts zum Verhängnis werden. Weitere Schwierigkeiten stellen die oft beschränkte Zugänglichkeit von queeren Archiven und deren Mangel an Ressourcen dar, wodurch das Angebot für künstlerische Zusammenarbeit oftmals nur gering ausfällt.
Die Autor*innen bieten im Rahmen des Buches für die Überwindung dieser und weiterer Problematiken auch Ratschläge für zukünftige Arbeiten an. Hierfür beschäftigen sie sich beispielsweise mit der Frage, wie Künstler*innen in LGBTIQ*-Archiven (ehrenamtlich) mitarbeiten können, diese ausweiten und neue Archive aufbauen können. Das Ziel einer solchen Auseinandersetzung ist es, einen Mehrwert für beide Parteien aus ihren fachspezifischen Kenntnissen und ihrem während der Recherche gesammelten Wissen schöpfen zu können. Das Buch bietet außerdem Tipps für Künstler*innen dahingehend an, wie sie eine möglichst offene und erfolgreiche Kommunikation mit Archiven erzielen können.
Umgang mit Archivmaterial
Wie also als Künstler*innen mit Archivmaterial umgehen? Worauf muss Rücksicht genommen werden und wie kann eine Absprache mit Archivar*innen aussehen? Eliza Steinbock und Sandro Weilenmann versuchen auf knapp 100 Seiten wichtige Fragen für einen respektvollen Umgangen zwischen Künstler*innen und Archiven zu beantworten. Vor allem für Künstler*innen, die eine Zusammenarbeit mit queeren Kulturorganisationen anstreben und Personen, die an diesen Orten beschäftigt sind, bietet das Buch eine wertvolle Kollektion vergangener Erfahrungen, aus denen einiges für zukünftige Projekte mitgenommen werden kann. Die Autor*innen liefern in Field Notes on Artistic Participation in Europe’s Trans and Queer Archives einen zugänglichen und prägnanten Einblick in künstlerische und archivarische Gebiete, für alle, die an Arbeitsprozessen an der Schnittstelle von Kunst und LGBTIQ*-Archiven interessiert sind.
Die Publikation ist nicht nur grafisch sehr ansprechend gestaltet, sondern auch reicht bebildert, sodass unterschiedliche künstlerische Praktiken auch nachvollziehbar werden. In der umfangreichen Darstellung unterschiedlicher Projekte fand auch jenes von Guilherme Maggessi und Rafał Morusiewicz über den Nachlass des Aktivisten und Künstlers Wolfgang Reder, der bei Qwien verwahrt wird
