Hannes Sulzenbacher erhält Preis für Volksbildung
Die Stadt Wien gab kürzlich die Preisträger*innen für herausragende Leistungen in Kunst, Kultur, Wissenschaft und Volksbildung bekannt. Unter ihnen findet sich auch der Qwien-Gründer und Chefkurator des Jüdischen Museums Wien Hannes Sulzenbacher. Eine Würdigung von Andreas Brunner
Um es vorwegzunehmen, der Autor dieser Zeilen und der Gewürdigte Hannes Sulzenbacher sind seit Anfang der 1990er-Jahre befreundet und arbeiten fast genauso lange gemeinsam an diversen Projekten zusammen. Es begann in der Rosa Lila Villa mit der Herausgabe der Zeitschrift tamtam, etwa zur selben Zeit begann Hannes Sulzenbacher als erster Wissenschaftler überhaupt mit der Bearbeitung der Strafakten von in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen – eine Arbeit die ihn und uns bis heute beschäftigen sollte. Kurze Zeit, damals noch als Student der Theaterwissenschaft, war er auch als Theaterkritiker im Falter tätig.
Wien ist andersrum
Es folgte die Mitarbeit an ersten Ausstellungsprojekten, einer großen Ausstellung zur Geschichte des Antisemitismus, die im Wiener Rathaus gezeigt wurde, und er arbeitete am Deutschen Hygienemuseum in Dresden. 1996 war er maßgeblich an der Organisation und Durchführung der ersten Regenbogenparade beteiligt und engagierte sich in den Jahren danach zuerst gemeinsam mit dessen Gründer Jochen Herdieckerhoff, später alleinverantwortlich, bei Wien ist andersrum, dem Kulturfestival vom anderen Ufer, das für einige Jahre damals in Wien noch weitgehend unbekannte queere Künstler*innen von den Geschwister Pfistern, Georgette Dee oder Irmgard Knef vorstellte und mit seinen frechen Plakaten für Aufsehen sorgte.
Jüdisches Museum Hohenems
Nach einigen Jahren als Kurator im Jüdischen Museum der Stadt Wien begann er als freier Kurator mit der Gestaltung einer Reihe von Ausstellungen für das Jüdische Museum Hohenems. Ich kann mich noch gut an seine Arbeit an der Ausstellung Kantormania (2004) erinnern, als monatelang die Gesänge unterschiedlichster Kantoren aus allen Zeiten und Weltgegenden durch unser gemeinsames Büro in der Großen Neugasse schallten, das bald danach zum Headquarter der Ausstellung geheimsache:leben. schwule und lesben im wien des 20. jahrhunderts werden sollte.
geheimsache:leben
Ein Team von fünf Kurator*innen trug für diese Ausstellung 2005 über 700 Objekte aus der ganzen Welt zusammen: das Original des Briefentwurfs von Karl Maria Kertbeny, in dem er erstmals die Worte „homosexual“ und „heterosexual“ schrieb, den rosa Winkel des Wiener KZ-Häftlings Josef Kohout, einen Anzug von Marlene Dietrich, den sie beim Wiener Nobelschneider Kniže nähen ließ, zahlreiche Objekte und Dokumente zur queeren Wiener Stadtgeschichte, Werke queerer Künstler*innen und Zeugnisse der Verfolgungsgeschichte.
Gründung von Qwien
Die Geheimsache-Ausstellung war auch der Impuls für die Gründung von Qwien. Auch wenn viele Objekte Leihgaben waren, hatte sich viel Recherchematerial angesammelt, das einen Ort für die weitere Bearbeitung brauchte. So konstituierte sich 2007 der Verein Qwien. Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte (auch wenn Qwien erst 2009 offiziell eröffnet wurde) und startete mit einem Projekt über den vergessenen Fotografen Paul Pichier seine Tätigkeit.
Gleichzeitig eröffnete Hannes Sulzenbacher als weitere wichtige Station seiner Arbeit als Ausstellungskurator 2007 die von ihm gestaltete Dauerausstellung im Jüdischen Museum Hohenems, der in den nächsten Jahren weitere große Ausstellungsprojekte für Hohenems folgten. Dabei beschäftigten Hannes Sulzenbacher auch immer Fragen, die über die Darstellung der jüdischen Geschichte weit hinausreichten und gesellschaftspolitische Themen verhandelten, wie die Ausstellungen Was Sie schon immer über Juden wissen wollten … aber nie zu fragen wagten (2012), die auch im Jüdischen Museum Berlin gezeigt wurde, oder Treten Sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln (2012/13), die nach Hohenems auch nach Frankfurt und München wanderte, veranschaulichen.
Namentliche Erfassung
Bei Qwien starteten wir 2012 indes ein Forschungsprojekt, dessen Dimensionen wir zu Beginn gar nicht richtig abschätzen konnten: „Die Namentliche Erfassung der homosexuellen und trans* Opfer des Nationalsozialismus in Wien“. Ein Team an Mitarbeiter*innen und Praktikant*innen digitalisierte bis 2018 mehr als 700 erhaltene Strafverfahren der NS-Gerichte in Wien und über 100 Verfahren der NS-Militärgerichtsbarkeit und wertete diese in einer umfassenden Datenbank aus. Da nicht nur die Namen und Lebensdaten der Verfolgten sondern auch ihr soziales Umfeld, die Verfolgungshintergründe sowie das Verfolgungspersonal von Gestapo, Kripo und Gerichten erfasst wurden, ist die Qwien-Opferdatenbank auch eine in ihrem Umfang weltweit einzigartige Arbeitsgrundlage für viele Forschungsprojekte zur queeren NS-Geschichte und kann auch von interessierten Forschenden bei Qwien benutzt werden.
Aus dieser von Hannes Sulzenbacher maßgeblich mitbetriebenen Grundlagenforschung gingen Tagungen wie Zu Spät? (2014, gemeinsam mit der WASt) und Publikationen wie Homosexualität und Nationalsozialismus in Wien (2023) hervor. Gemeinsam mit erinnern.at wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt, die Lehrer*innen zur Verfügung stehen. Als Jury-Mitglied war Hannes Sulzenbacher auch an der Errichtung des Denkmals ARCUS. Schatten eines Regenbogens für die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit beteiligt.
Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Ein Höhepunkt in der kuratorischen Arbeit von Hannes Sulzenbacher war 2021 sicherlich die Eröffnung der Ausstellung Entfernung. Österreich und Auschwitz im österreichischen Pavillon der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Geschichte Österreichs im Nationalsozialismus, das Schicksal der österreichischen Opfer im Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau sowie die Involvierung von Österreicher*innen als Täter*innen und Helfer*innen an den dort begangenen Verbrechen wurde in einer informativen wie beeindruckenden Präsentation aufgearbeitet
Chefkurator im Jüdischen Museum
Als Barbara Staudinger 2022 die Direktion des Jüdischen Museums Wien übernahm, wählte sie Hannes Sulzenbacher als ihren Chefkurator, der das Ausstellungsprogramm in den Folgejahren maßgeblich prägte. Die Eröffnungsausstellung des neuen Teams 100 Missverständnisse über und unter Juden stellte provokante Fragen die sowohl in der jüdischen Community als auch bei nicht-jüdischen Ausstellungsbesucher*innen für Irritationen sorgte. Die Auswüchse und den Antisemitismus der aktuellen Identitätspolitiken hinterfragte Schwarze Juden, Weiße Juden? Über Hautfarben und Vorurteile (2025/26), eine Ausstellung, die zeigt, dass sich Hannes Sulzenbacher in seinen Projekten auch nicht scheut unbequeme Fragen zu stellen.
Das neue Qwien
Aber auch bei Qwien gab es in den letzten Jahren große Herausforderungen. 2023 begann die Suche nach einer neuen größeren Location für das Archiv und die Bibliothek von Qwien, die am alten Standort in der Großen Neugasse aus allen Nähten platzten. Dieser wurde in der Ramperstorffergasse im 5. Bezirk gefunden, wobei eine Erweiterung zum Museum und Kulturzentrum erfolgte. Auch hier hinterließ Hannes Sulzenbacher als Kurator seine Spuren. Die Eröffnungsausstellung Geschichte machen. Ein queeres Jahrtausend in 27 unglaublichen Objekten hinterfragte die Marginalisierung queerer Geschichte, von der oft nur Dokumente der Verfolgung aber keine eines selbstbestimmten, queeren Lebens erhalten blieben. Am 11. November 2026 wird eine weitere große historische Ausstellung folgen: Beweise für die Unzucht. Private Dokumente aus historischen Strafakten von Homosexuellen.
Bevor diese eröffnet, wird Hannes Sulzenbacher am 4. November im Wiener Rathaus der Preis für Volksbildung überreicht. Ich gratuliere meinem Freund und Mitstreiter von ganzem Herzen.





