Queer-feministisches Empowerment

Über die Bedeutung von Empowerment für queer-feministische Communities ist ein Sammelband der Universität für Musik und darstellende Kunst erschienen. Anna Sacher hat ihn gelesen.

„Wir sehen, es ist immer eine komplexe Frage, was wer unter Empowerment versteht“ (S. 7), stellen Andrea Ellmeier, Doris Ingrisch und Claudia Walkensteiner-Preschel einleitend ihrem Sammelband der mdw Gender Wissen Reihe voran. Dass der Begriff von Empowerment gegenwärtig in neoliberalen und post-feministischen Kontexten genauso virulent ist, wie in intersektionalen, antikapitalistischen Ansätzen in Aktivismus und Wissenschaft, öffnet hiermit ein breites Spannungsfeld. Die Beiträge des Sammelbands bieten einen Überblick über emanzipatorische Verständnisse von Empowerment und bedienen die zwei Schwerpunkte von Geschlechtervielfalt und Antirassismus. Dabei wird an konkrete Initiativen im deutschsprachigen Raum angeknüpft, die marginalisierten Gruppen und/oder Personen eine Plattform bieten und Empowerment praktisch leben und befragen.

Die ersten beiden Beiträge arbeiten zunächst an der Begriffsbildung von Empowerment. Vor ihrem Hintergrund als Nationalratsabgeordnete der Grünen appelliert Faika El-Nagashi für eine Politisierung des Empowerment-Begriffs. Anhand der Strategien von Sichtbarkeit, Anerkennung und Aneignung im postkolonialen und antirassistischen Kontext verweist sie unter anderem auf lokale Wiener Initiativen, wie die Recherchegruppe zur Schwarzen Diaspora in Österreich. Auch Luki Schmitz bietet eine Grundlage für den Empowerment-Begriff, indem Schmitz das Verständnis von Subjekt, Objekt und Ressourcen abseits von neoliberalen-westlichen Strukturen befragt, einzuordnen mit Anschluss ans theoretische Feld des New Materialism.

Die folgenden Beiträge des Sammelbands befassen sich vermehrt mit Empowerment-Initiativen im kulturellen Bereich, vor allem in der Musik. So wird das Festival „e_may“ vorgestellt, welches das Ziel von mehr Spielraum und Sichtbarkeit nicht-männlicher Musiker*innen, Komponist*innen und Kurator*innen in der Musikbranche verfolgt. Gegen einen gefestigten Kanon und für eine neue (Musik-)Geschichtsschreibung engagiert sich ebenfalls die Initiative „Musica inaudita“ der Universität der Künste Berlin. Ulli Mayer beschreibt das Wiener „Pink Noise Camp“ als Intervention in der popkulturellen Musikszene und als Raum des Empowerments für junge, nicht-männliche Musikmachende. Mine Pleasure Bouvar Wenzel untersucht in autoethnografischer Herangehensweise die Berliner Clubszene auf queere Heterotopien und Sozialräume. Und Marko Kölbl wirft einen kritischen Blick auf die oft romantisierte Position von Musik als Empowerment anhand eines Fokus‘ auf afghanische Musik im Fluchtkontext.

Abseits der Musikszene verweist Bernadette Weigel auf den österreichischen Verein „FC Gloria“, der in der Filmbranche für mehr nicht-männliche Sichtbarkeit und Gleichberechtigung innerhalb von Filmförderstrukturen eintritt. Abschließend schreibt Bettina Zehetner über ihre Arbeit als psychosoziale Beraterin im Verein „Frauen* beraten Frauen*“ und hebt hier die Formate der Onlineberatung und des Schreibens in der Arbeit gegen Gewalt an Frauen* hervor.

Empowerment. Wissen und Geschlecht in Musik – Theater – Film ist ein wissenschaftlicher Band, der auf einem gewissen Wissensstand im queer-feministischen Theoriefeld aufbaut, jedoch weniger Kenntnisse im Bereich von Musik-, Theater- und Film(wissenschaft) voraussetzt. Auffallend ist die Auswahl der Autor*innen, die sich nicht ausschließlich aus einem universitären/institutionellen Kontext speist, sondern die Idee von Empowerment performativ aufgreift und Aktivist*innen und/oder Forschende ausgehend von (ihren teils eigenen) Initiativen schreiben lässt. Damit liefert der Band einen interessanten und bereichernden Beitrag zur Diskussion um den vielseitig eingesetzten Begriff des Empowerments.

Andrea Ellmeier, Doris Ingrisch, Claudia Walkensteiner-Preschl (Hg.): „Empowerment. Wissen und Geschlecht in Musik – Theater – Film“. mdw Gender Wissen Band 10. Wien: Böhlau 2025.

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