Karl Heinrich Ulrichs und der „Uranismus“

In Invictus – Unbesiegt. Karl Heinrich Ulrichs zum 200. Geburtstag wurden für den 84. Band der Reihe Bibliothek rosa Winkel sechs Beiträge zur Würdigung von Karl Heinrich Ulrichs gesammelt. Kim Sonnenschein hat den Band gelesen.

Ulrichs ist einer der Vertreter einer frühen emanzipatorischen Homosexuellenbewegung. Sein zentraler Beitrag ist die Schaffung des identifikatorischen Begriffspaars „Urninge“ (männliche Homosexuelle) und „Urninde“ (weibliche Homosexuelle), wobei diese jeweils eine Differenz des Geschlechts, des Körpers und der Seele aufweisen und als eigenes, neues Geschlecht konstruiert werden.

Die Beiträge in dem vorliegenden Band verbindet, dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Zugängen Anknüpfungspunkte an das Schaffen von Ulrichs für die Gegenwart suchen. Diese reichen von einer Neubewertung der sexualwissenschaftlichen Forschung von Ulrichs über Bezugnahme zur Forschungstradition der Queer Theory zu der Frage, inwiefern Ulrichs „Urning“-Begriff heute als Selbstbezeichnung geeignet ist. Auch die Frage nach dem Nachwirken Ulrichs’ im öffentlichen Raum, durch Straßen- und Platzbenennungen findet Eingang in den Band. Dabei wird die von Ulrichs entworfene Selbstkonzeption, als wertneutrales Konzept zur Beschreibung von Homosexualität zum zentralen Betrachtungsgegenstand. Es werden Fragen von der Relevanz von Community-Building und Repräsentation aufgeworfen und Rückschlüsse zu queeren Genderkonzeptionen gezogen.

Eines der Ziele der Reihe Bibliothek rosa Winkel ist die Erhaltung der Erinnerung an Karl Heinrich Ulrichs. Der vorliegende Band steht dementsprechend vor der Aufgabe einer kritischen Rezeption, die zwischen Bemühungen um Bewahrung und der Gefahr der Redundanz balancieren muss. Dementsprechend findet sich neben spannenden Anklängen auch eine sich eingeschriebene Legitimitätsforderung in den Beiträgen. Damit gelingt der Anschluss von Ulrichs an die Gegenwart nicht immer reibungslos, was aber geleistet wird, ist eine Auseinandersetzung mit einem frühen Konzept „queerer“ Selbstidentifikation und den Schwierigkeiten, die daraus aus heutiger Perspektive erwachsen.

Wolfram Setz, der langjährige Herausgeber der Bibliothek rosa Winkel, der auch maßgeblich zur Renaissance von Karl Heinrich Ulrichs im deutschsprachigen Raum beitrug, konzipierte den Band über Ulrichs noch vor seinem Tod. Zu den Beiträgern des Ulrichs Bandes zählen neben Rüdiger Lautmann, Douglas Pretzell oder Heinz Voss auch der ebenfalls jüngst verstorbene Berliner Historiker Jens Dobler.

Im Anhang wurde auch die erste Publikation von Magnus Hirschfeld aufgenommen, die ein Jahr nach Ulrichs’ Tod erschienene Broschüre Sappho und Sokarates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts (1896). Hirschfeld publizierte diesen Text noch unter dem Pseudonym Th. Ramien. Wie es dazu kam und welche Einflüsse von Ulrichs in Hirschfelds Werk zu finden sind, erläutert das informative Nachwort von Dino Heicker.

Wolfram Setz (Hg.): Invictus – Unbesiegt. Karl Heinrich Ulrichs zum 200. Geburtstag. Berlin: Männerschwarm Verlag 2025 (bei Löwenherz erhältlich)

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